Wenn ich in einem Coaching vorschlage, dass der nächste Karriereschritt vielleicht im Sport beginnt, ernte ich oft einen skeptischen Blick. Ich verstehe das. Ich bin aber nicht nur Karriereberater, sondern auch lizenzierter Fitness-Trainer, trainiere selbst Jiu-Jitsu und tauche als Divemaster, und ich habe über die Jahre einen Zusammenhang gesehen, den ich lange unterschätzt habe. Es geht nicht um Sixpacks und auch nicht um die Behauptung, Sport mache aus jedem eine Führungskraft. Es geht um Energie, Klarheit und Belastbarkeit, und die entscheiden im Berufsalltag mehr, als den meisten bewusst ist.
Der messbare Teil: Sport und Lohn hängen zusammen
Es gibt tatsächlich seriöse Forschung dazu. Der Ökonom Vasilios Kosteas hat in einer im Journal of Labor Research veröffentlichten Studie US-amerikanische Längsschnittdaten ausgewertet und gefunden, dass regelmässiges Sporttreiben mit einem um sechs bis zehn Prozent höheren Einkommen einhergeht, wobei häufigeres Training den grösseren Effekt hat (Kosteas, 2012). Wichtig ist die ehrliche Einordnung: Das ist ein statistischer Zusammenhang, keine Garantie, dass Sie mit drei Trainings pro Woche mehr verdienen. Aber Disziplin, Energie und Selbststeuerung, die man beim Training aufbaut, wirken sich offenbar auch im Beruf aus. Das deckt sich mit dem, was ich in Gesprächen erlebe.
Der Kopf denkt besser, wenn der Körper sich bewegt
Am spürbarsten ist für mich der Effekt auf die Denkfähigkeit. Auch dafür gibt es Belege. Eine vielzitierte Stanford-Studie von Oppezzo und Schwartz zeigte, dass Menschen beim Gehen deutlich mehr kreative Ideen produzieren als im Sitzen, im Schnitt stieg die kreative Ausbeute um rund 60 Prozent, und der Effekt hielt auch nach dem Spaziergang noch an (Oppezzo & Schwartz, 2014). Eine grössere Meta-Analyse von Chang und Kollegen fasste dazu viele Einzelstudien zusammen und fand, dass sich schon ein einzelnes Training positiv auf die kognitive Leistung auswirken kann (Chang et al., 2012).
Ich nutze das ganz praktisch: Wenn ich bei einer Frage nicht weiterkomme oder eine Entscheidung ansteht, gehe ich raus und bewege mich, statt weiter auf den Bildschirm zu starren. Die beste Lösung kommt selten am Schreibtisch. Das ist kein Wundermittel, aber ein zuverlässiges Werkzeug, das nichts kostet.
💡 Praxis-Tipp: Das Walking-Meeting
Verlegen Sie ein Gespräch, das kein Bildschirm braucht, ins Gehen, das Einzelgespräch mit einer Mitarbeiterin, das Brainstorming zu zweit, das nächste Telefonat. Sie kommen körperlich in Bewegung, das Gespräch wird oft offener und die Ideen fliessen leichter. Ich mache meine besten Denkgespräche nicht im Sitzungszimmer.
Präsenz, ohne Show
Ihr Auftreten wirkt, bevor Sie ein Wort gesagt haben, im Vorstellungsgespräch genauso wie in der Verhandlung. Eine aufrechte Haltung, eine ruhige, tragende Stimme, ein wacher statt erschöpfter Eindruck. Das hat wenig mit Muskeln zu tun und viel mit Energie und Körpergefühl. Wer sich regelmässig bewegt, steht anders da, und das nehmen andere wahr, ohne es benennen zu können. Ich verspreche hier bewusst keine Zahlen, das lässt sich schwer sauber messen. Aber wer schon mal ausgeruht und wer schon mal ausgelaugt in ein wichtiges Gespräch gegangen ist, kennt den Unterschied.
Training ist Übung im Umgang mit Widerstand
Der Punkt, der mir persönlich am wichtigsten ist: Sport ist eine Schule für den Umgang mit Rückschlägen. Beim Jiu-Jitsu verliere ich regelmässig, stehe wieder auf und mache weiter. Ein Plateau im Training, an dem wochenlang nichts vorwärtsgeht, fühlt sich an wie eine Karriere, die gerade stockt, und der Umgang damit ist derselbe: dranbleiben, den Ansatz anpassen, geduldig sein. Diese Erfahrung, dass sich mit konsequenter Arbeit etwas verändern lässt, überträgt sich. Wer erlebt hat, dass er seinen Körper formen kann, glaubt eher daran, dass er auch seine berufliche Situation gestalten kann.
Ehrlich bleiben: Was Fitness nicht kann
Ich will nichts überverkaufen. Ein durchtrainierter Körper ersetzt kein gutes Dossier, keine Strategie und keine Fachkompetenz. Sport macht Sie nicht klüger und nicht automatisch erfolgreicher. Was er tut, ist grundlegender: Er gibt Ihnen die Energie, Ihre Ziele überhaupt konsequent zu verfolgen. Die beste Bewerbungsstrategie nützt wenig, wenn abends die Kraft fehlt, sie umzusetzen. Genau deshalb spreche ich in meinen Beratungen manchmal auch über Schlaf, Bewegung und Energie, nicht nur über Lebensläufe. Fangen Sie klein an, ein paar Bewegungseinheiten pro Woche, die Sie wirklich durchhalten, sind mehr wert als ein ambitionierter Plan, den Sie nach zwei Wochen aufgeben.
Quellen: Kosteas, V. D. (2012): The Effect of Exercise on Earnings: Evidence from the NLSY, Journal of Labor Research 33(2), springer.com. Oppezzo, M. & Schwartz, D. L. (2014): Give Your Ideas Some Legs: The Positive Effect of Walking on Creative Thinking, Journal of Experimental Psychology, Stanford Report. Chang, Y. K. et al. (2012): The effects of acute exercise on cognitive performance: A meta-analysis, Brain Research 1453, libres.uncg.edu.